Die Schlosskirche zu Ziegenhain – Geschichte erzählt
✦ Geschichte erzählt ✦

Die Schlosskirche zu Ziegenhain

Garnisonskirche, Bürgerkirche und ein Ort, an dem sich mittelalterliche Ursprünge und barocke Festungszeit begegnen.

Festung Ziegenhain Übersicht

Zur Übersicht hier klicken

Von der Schlosskirche aus führt der Rundgang weiter zu den zentralen Orten der Wasserfestung Ziegenhain.

Zur Übersicht
Audio

Audio-Zusammenfassung

Hier kannst du die Zusammenfassung zur Schlosskirche direkt anhören.

Die heutige Schlosskirche wurde in den Jahren 1665 bis 1667 an der Stelle einer älteren gotischen Kirche als evangelische Predigtkirche errichtet. Sie war Garnisonskirche, Bürgerkirche und Grabeskirche der Gouverneure und Festungskommandanten. Noch heute erzählt sie von vielen Schichten der Ziegenhainer Geschichte: von der Zeit der Grafen von Ziegenhain, von der Reformation, vom Festungsbau, vom Siebenjährigen Krieg und von der Rolle der Kirche im Leben der Bürger und Soldaten.

Die ältere Kirche und ihre Spuren

Schon im 13. Jahrhundert ist in Ziegenhain eine Pfarrkirche belegt. 1243 wird ein Schlosskaplan erwähnt, 1261 ein Pleban, also ein Pfarrer, und 1264 erscheint in einer Urkunde „Dominus Rudengerus, Plebanus de Ziegenhain“. Daraus lässt sich schließen, dass der Bau der älteren Kirche eng mit der Stadtgründung zusammenhing.

Diese frühe Kirche war der heiligen Katharina geweiht. Spätere Berichte sprechen davon, dass sie vier- bis fünfhundert Jahre bestanden habe. Offenbar handelte es sich um eine Bogenkirche mit Kreuzgewölben. Nach späteren Erweiterungen besaß sie neben dem Hochaltar im Chor noch mehrere Seitenaltäre, darunter Altäre für alle Apostel, für den heiligen Georg und für den heiligen Sebastian.

„Mit Erlaubnis des Abts zu Hersfeld, als Oberlehnsherr, und des Erzbischofs zu Mainz hatten die Grafen von Ziegenhain aus ihrem Besitztum eine Pfarrei für dieselbe dotiert und eine besondere Kirche für die Gemeinde erbauen helfen, welche der heiligen Katharina geweiht war.“

Von dieser gotischen Vorgängerkirche sind bis heute nur wenige Reste erhalten. An der Südseite der heutigen Kirche, zum Paradeplatz hin, sind drei Gewölbeschlusssteine in das Mauerwerk eingelassen: ein Christuskopf, das Opferlamm und der sechsstrahlige Stern der Grafen von Ziegenhain. Im Bereich des Renthofs findet sich ein Rundbogentürgewand. Im Museum der Schwalm, im Hof des Steinernen Hauses, steht eine Säule, die der alten Kirche zugeschrieben wird. Ein weiterer Säulenfuß wurde bei Arbeiten im Renthof gefunden.

Auch im Inneren haben sich Spuren bewahrt. Links vom Altar befindet sich an der Nordseite ein kunstvoll gestalteter Sandstein mit dem Ziegenhainer Wappenstern. In der Mauer zwischen Kirche und Renthof ist zudem ein Scheibenkreuzgrabstein aus der Zeit zwischen 1150 und 1250 eingelassen. Er erinnert daran, dass sich um die Kirche einst der Friedhof befand.

Grabsteine, Friedhof und Erinnerungsorte

In der Nordwestecke der Kirche stehen zwei Grabsteine, die ursprünglich vom alten Friedhof stammen. Der ältere und künstlerisch besonders wertvolle Stein datiert aus dem Jahr 1529. Es handelt sich um den Grabstein des Balthasar von Weitholdshausen, auch Schrautenbach genannt. Er war landgräflich hessischer Rat, hatte am Bauernkrieg teilgenommen und starb auf einer Reise von Kassel zum Reichstag nach Nürnberg plötzlich in Ziegenhain.

Auf dem Stein ist neben der Jahreszahl 1529 auch das Meisterzeichen „PS“ zu sehen, das dem Bildhauer Philipp Soldan zugeordnet wird. Der zweite Stein gehört Anna Badungen. Beide Grabsteine waren beim Bau der neuen Kirche als Bodenplatten wiederverwendet worden und wurden erst bei der Renovierung 1926 wiederentdeckt und aufgestellt.

Zusätzlich erinnern zwei Gusseisenplatten von 1626 und 1638 an den Rentmeister Feig und seine Hausfrau Kunigunde Stöver. Das Ehepaar hatte ein Legat zugunsten der Armen der Stadt hinterlassen. Deshalb blieben die Platten nicht nur Erinnerungszeichen für Verstorbene, sondern auch Denkmal einer sozialen Stiftung und wurden beim Neubau der Kirche erneut an den Wänden angebracht.

Der Neubau in der Festungszeit

Während des Dreißigjährigen Krieges war die alte Kirche baufällig geworden und für die gewachsene Einwohnerzahl Ziegenhains zu klein. Nach ihrem Abbruch wurde zwischen 1665 und 1667 die neue Garnisons- und Stadtkirche errichtet. Es handelt sich um eine schlichte Saalkirche mit Barockportal und ohne freistehenden Glockenturm.

Der Festungskommandant Jakob von Hoff förderte den Bau, und auch die Ziegenhainer Bürgerschaft trug dazu bei. Über dem Haupteingang erinnert eine Inschriftentafel an die Gründung der Kirche unter Landgraf Wilhelm VI. und an die maßgebliche Rolle der Landgräfin Hedwig Sophie, die nach seinem frühen Tod als Regentin die Vollendung des Baus ermöglichte.

Die Einweihung erfolgte am 30. August 1667 durch Superintendent Stöckenius aus Kassel. Am selben Tag wurden die beiden Pfarrer Braun und Diemann eingeführt. Der erste geistliche Akt in der neu eingeweihten Kirche war die Taufe eines Soldatenkindes. Die anwesende Landgräfin übernahm selbst die Patenschaft und gab dem Kind ihre Namen.

Über der Kanzel befinden sich bis heute die Wappentafeln des hessischen Landgrafenhauses und des Hauses Braunschweig-Brandenburg. Auch das Schriftband mit der Abkürzung „W VI LzH FzH : S S G A C S D Mz B“ erinnert an Landgraf Wilhelm VI. und Landgräfin Hedwig Sophie.

Kriegsschäden, Orgel und Sitzordnung

Während des Siebenjährigen Krieges wurde die Kirche im Jahr 1761 bei der Beschießung Ziegenhains schwer beschädigt. In den Jahren 1769 bis 1771 wurde sie wiederhergestellt. Aus dieser Zeit stammt auch die Orgel, die von Johann Andreas Heinemann gebaut wurde. Sie geht auf eine Stiftung des Festungskommandanten Heinrich von Gohr zurück, der 1784 als letzter Gouverneur in der Kirche bestattet wurde. Sein Epitaph mit dem weinenden Engel steht noch heute links neben dem Eingang.

Bis zur Renovierung nach Auflösung der Garnison im Jahr 1847 war die Sitzordnung streng geregelt. Der Altar stand wie heute an derselben Stelle, die Kanzel befand sich jedoch rechts vom Haupteingang. Behörden, Beamte, deren Frauen, die Offiziere, die Bürger und die Soldaten hatten jeweils klar zugewiesene Plätze. Diese Ordnung zeigt deutlich, wie eng Gottesdienst, militärische Hierarchie und städtisches Leben miteinander verbunden waren.

Jubelfeier, Dachreiter und Glocken

Am 1. September 1867 wurde das zweihundertjährige Bestehen der Kirche mit einer großen Jubelfeier begangen. Damals bedauerte man ausdrücklich, dass die Kirche keinen steinernen Glockenturm besaß. Aus dem Erlös einer zu diesem Anlass gedruckten Denkschrift sollten neue Glocken und ein neuer Turm finanziert werden. Ein solcher massiver Turm wurde jedoch nie gebaut.

Erst bei der Renovierung von 1926 bis 1927 erhielt die Kirche anstelle des kleinen Glockentürmchens den heutigen größeren Dachreiter. Gleichzeitig wurden zwei neue Glocken angeschafft und geweiht. Die größere trägt die Inschrift:

„Lass uns im Glauben, Herr, stets sein, so fest und treu wie Ziegenhain.“

Damit verbindet sich die Kirche bis heute unmittelbar mit dem bekannten Sprichwort „So fest wie Ziegenhain“ und mit dem Selbstverständnis der Festungsstadt.

Hinweise

Diese Seite gehört zum historischen Rundgang durch Ziegenhain und wird wie die anderen Stationen Schritt für Schritt im Stil von „Geschichte erzählt“ ausgebaut. Auch für diese Station ist ein eigenes Video vorgesehen, das die Inhalte später direkt vor Ort und digital erlebbar macht. Wenn du an einem Ort in Ziegenhain einen QR-Code findest, kannst du ihn direkt mit deinem Smartphone öffnen und gelangst sofort zur passenden Station des Rundgangs.

✦ Geschichte fragt ✦

Das Quiz zu dieser Station

Du hast diese Station entdeckt? Dann teste jetzt Dein Wissen im mobilen Quiz von „Geschichte fragt“. Wenn Du die Frage richtig beantwortest, wird die nächste Station freigeschaltet.

Geschichte fragt
Schlosskirche Ziegenhain groß