Theaterstück zur Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung
Dramatische Szenen zur Auseinandersetzung um Täufer, Gemeindezucht, Buße und die Ordnung der Kirche in Ziegenhain.
Herold
Hört, Untertanen des gnädigsten Landgrafen Philipp von Hessen. Die Sekte der Wiedertäufer treibt in allen Deutschen Landen ihr Unwesen. Sie verwirren die Gläubigen indem sie entgegen der Auffassung unseres Reformators Dr. Martin Luther lehren, dass einige Menschen in der Gemeinde eine besondere Erleuchtung des Heiligen Geistes erhalten würden. Damit widersprechen sie der Lehre, dass Glaube und Erkenntnis allein durch Gottes Wort in der heiligen Schrift gewirkt werden. Auch behaupten sie in der Gemeinde Menschen von besonderer Heiligkeit ausmachen zu können, was der Lehre von der Rechtfertigung allein aus Glauben widerspricht. Sodann misstrauen sie dem Staat und der Rechtsprechung der Fürsten. Sie machen sich eigene Gesetze, erlauben sich die Vielweiberei und verweigern den Kriegsdienst. Sie bleiben den Gottesdiensten der Gemeinde fern und taufen ihre Kindlein nicht. 1529 auf dem Reichstag in Speyer hat der Kaiser entschieden, dass es dem Landesherrn jederzeit erlaubt sei, solche fehlgeleiteten Menschen des Landes zu verweisen oder sie mit dem Tode zu bestrafen.
Adam Krafft
Meine Herren, der Landgraf hat uns zusammengerufen. Ihr habt gehört, dass der gelehrte Herr Dr. Martin Bucer aus Straßburg jüngst in Marburg im Auftrag des Landgrafen Gespräche mit den Täufern unseres Fürstentums geführt hat. Denn in unserem Land soll niemand nur wegen seines Glaubens hingerichtet werden.
Bartholomäus Grenzebach aus Treysa
Und ob wir das gehört haben. Gespräche. Gespräche. Was soll das? In Kursachsen macht man kurzen Prozess mit solchen Abtrünnigen. Des Landes solle man sie verweisen, besser noch hinrichten, ausmerzen! Schließlich hat auch unseres Landgrafen Freund und Lehrer Philipp Melanchthon so geurteilt.
Adam Krafft Marburg
Mäßigung und Geduld, mein lieber Bruder!
Theodorus Fabricius Allendorf
Mäßigung! Geduld! Hat unser Landgraf nicht im Kampf gegen die aufständischen Bauern in Frankenhausen und auch in der Niederschlagung des Täuferstaates zu Münster machtvoll bewiesen, dass es auch anders geht? Schwert und Gewalt! Zucht und Ordnung! Das ist der Weg zum Reich Gottes!
Tilemann Schnabel Alsfeld
Aber sie halten sich zu Jesus Christus. Sie predigen und beten, feiern ihre Gottesdienste, fromme Leute sind’s, lieber Bruder, keine Verbrecher, keine Gewalttäter. Sie predigen das Evangelium. Sie haben Sitte und Anstand. Sie haben sich vom Papst losgesagt. Und Jesus sagt: „Wer mit dem Schwert kämpft, der kommt durch das Schwert um.“
Daniel Greserus Gießen
Ja, und sie predigen die Vielweiberei. Nennt ihr das Zucht? Oder kommt das unserm Herrn Landgrafen gerade recht? Will unser Landgraf sich auch zu den Wiedertäufern bekehren?
Adam Krafft Marburg
Meine Herren, lasst den Streit und den Zynismus in euren Worten. Beherrscht euch. Unter uns weilt Bruder Tesch. Er selbst, einer der führenden Täufer, war zugegen im Marburg. Erzählt, Bruder Tesch, wie habt ihr diese Tage erlebt?
Peter Tesch
Ich hatte mich zunächst ohne Einladung unter die Leute gemischt, neugierig und sorgenvoll. Ich hab zugehört, wie unsere Leute mit Recht Buße und Zucht in der Gemeinde anmahnten. Wer sich nicht zu einem ordentlichen Leben bekehrt, der ist kein Christ, und ohne Buße und Bekehrung ist die Taufe wertlos. Ihr reicht Trunkenbolden, Wucherern und Huren das Abendmahl, aber auf eine Besserung des Lebens zielt ihr nicht.